IV Das Deutsche Reich von Bismarck
bis Hitler


Am 1. Juli 1867 vereinbaren die norddeutschen Staaten unter Führung des preussischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck den Norddeutschen Bund, der eine Bundesverfassung mit allgemeinem und gleichem Reichstagswahlrecht bekommt. Dies ist der konstituierende Akt der Staatsgründung.
Im November 1870 treten während des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71) die süddeutschen Staaten
dem Norddeutschen Bund bei, der sich dadurch zum Deutschen Reich erweitert, ohne dass die Verfassung wesentliche Änderungen erfährt. Am 18. Januar 1871 wird der preussische König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser ausgerufen. Bismarck wird Reichskanzler. Das Volk nennt diesen symbolträchtigen Tag den
„Reichsgründungstag“. Das Datum ist nicht zufällig: 170 Jahre davor, am 18. Januar 1701, hat sich Friedrich I. in
Königsberg zum preussischen König gekrönt. Fortan bestehen in Mitteleuropa zwei Kaiserreiche: Das Deutsche
Reich und die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Sie sind militärisch miteinander verbündet und erhalten die

se Waffenbrüderschaft auch während des Ersten Weltkrieges (1914 – 1918) aufrecht. Am Ende dieses Krieges wird nach der deutschen Kapitulation, im Zuge einer marxistisch-liberalistischen Revolte, am 9. November 1918 in Berlin die Abdankung des Kaisers verkündet und die Republik ausgerufen. Kaiser Wilhelm II. geht nach Holland ins Exil und verzichtet am 28. 11. offiziell auf den Thron. Damit endet zwar die Monarchie, nicht aber das Deutsche Reich. Es besteht also ein erheblicher Unterschied zur Niederlegung der Krone 1806 durch Franz II.
Der Erlass des Reichskanzlers, veröffentlicht in der Presse vom 9. November:

 

„Seine Majestät der Kaiser und König haben sich entschlossen, dem Throne zu entsagen.
Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der
Abdankung Seiner Majestät, dem Thronverzichte Seiner Kaiserlichen
und Königlichen Hoheit des Kronprinzen des Deutschen
Reichs und von Preussen und der Einsetzung der Regentschaft
verbundenen Fragen geregelt sind. Er beabsichtigt, dem Regenten
die Ernennung des Abgeordneten Ebert zum Reichskanzler
und die Vorlage eines Gesetzentwurfs wegen der Ausschreibung
allgemeiner Wahlen für eine verfassunggebende deutsche Nationalversammlung
vorzuschlagen, der es obliegen würde, die
künftige Staatsform des deutschen Volkes, einschliesslich der Volksteile,
die ihren Eintritt in die Reichsgrenzen wünschen sollten,
endgültig festzustellen.


Berlin, den 9. November 1918


Der Reichskanzler.  Prinz Max von Baden“

 

Die Verzichtserklärung Wilhelms II. vom 28. November:

 

„Ich verzichte hierdurch für alle Zukunft auf die Rechte an der
Krone Preussens und die damit verbundenen Rechte an der
deutschen Kaiserkrone.
Zugleich entbinde ich alle Beamten des Deutschen Reiches und
Preussens sowie alle Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften
der Marine, des Preussischen Heeres und der Truppen der Bundeskontingente
des Treueides, den sie Mir, als ihrem Kaiser, König
und Obersten Befehlshaber geleistet haben. Ich erwarte von
ihnen, dass sie bis zur Neuordnung des Deutschen Reiches den
Inhabern der tatsächlichen Gewalt in Deutschland helfen, das
Deutsche Volk gegen die drohenden Gefahren der Anarchie, der
Hungersnot und der Fremdherrschaft zu schützen.
Urkundlich unter unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und
beigedrucktem Kaiserlichen Insiegel.


Gegeben Amerongen, den 28. November 1918. gez. Wilhelm“

 

In Weimar tagt 1919 die aus allgemeinen Wahlen hervorgegangene Nationalversammlung. Ebert wird Reichspräsident, Scheidemann bildet als Kanzler die Regierung der „Weimarer Koalition“. Die Nationalversammlung nimmt die demokratisch-parlamentarische Reichsverfassung vom 11. August 1919 an (Weimarer Verfassung). Sie akzeptiert auch den von den Siegermächten aufgezwungenen
Friedensvertrag („Versailler Diktat“). Das Deutsche Reich verliert durch den Vertrag von Versailles: Elsass-Lothringen, Eupen-Malmédy, Nordschleswig, Westpreussen, Danzig, Posen und das östliche Oberschlesien

Oberschlesien. Die Saar kommt unter französische Verwaltung. 1923 wird das Memelland von Litauen besetzt. Reparationszahlungen von astronomischer Höhe schwächen die Wirtschaft. Genau wie nach dem Zweiten Weltkrieg werden Stapel von deutschen Patenten beschlagnahmt, eine der Ursachen für den amerikanischen Wirtschaftsaufschwung. Bestandteil des Versailler Diktats ist auch das erpresste deutsche „Eingeständnis“ der Schuld am Kriege.

 

Die Vereinigten Staaten von Amerika, die die Schlüsselrolle beim Sieg der Alliierten über die Mittelmächte gespielt haben, verraten nicht nur das 14 Punkte-Programm ihres Präsidenten Wilson, aufgrund dessen Deutschland die Kapitulation unterzeichnet hat, sie ratifizieren auch den Versailler Vertrag nicht und treten dem von ihnen ins Leben gerufenen Völkerbund nicht bei. Die habsburgische Monarchie Österreich-Ungarn ist gegen
Kriegsende in ihre nationalen Bestandteile zerfallen und praktisch unregierbar geworden. Die Zwangsverträge
von Saint-Germain und Trianon (1919/20) besiegeln diese Aufteilung. Nach dem Regierungsverzicht Karls I. wird
am 12.11.1918 die „Republik Deutsch-Österreich“ ausgerufen, die nach dem Willen ihrer Begründer Bestandteil
des Deutschen Reiches sein soll. Aber die Feindbundmächte verhindern den Anschluss und untersagen auch
die Führung des Namens „Deutsch-Österreich“. Das sudetendeutsche Gebiet muss an die Tschecho-Slowakei
und das Südtirol an Italien abgetreten werden. Sowohl das Anschlussverbot als auch die Abtrennung deutschsprachiger Gebiete steht dem von der Entente propagierten „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ diametral entgegen.

 

In Deutschland ist die Zeit von 1919 bis 1933, die sogenannte Weimarer Republik, geprägt von schwachen Regierungen unter insgesamt 14 verschiedenen Kanzlern von Scheidemann bis Schleicher. Bolschewistische Umsturzversuche, Inflation und Arbeitslosigkeit bringen das Reich zeitweise an den Rand des Abgrunds. Am 9. November 1923 erfolgt die erste nationalsozialistische Erhebung: der Marsch zur Feldherrnhalle in München. Der
Putsch schlägt fehl, Hitler bekommt Festungshaft. 1925 tritt der Generalfeldmarschall von Hindenburg die Nachfolge Eberts als Reichspräsident an. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) wird 1932 in demokratischen Wahlen mit 38% der Stimmen zur stärksten Partei. Die Kommunisten erreichen 17% und treffen Vorbereitungen zu einer bewaffneten Machtübernahme. In dieser Lage plant Kanzler von Schleicher, den Reichstag aufzulösen und Neuwahlen auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Sozialdemokraten und Zentrum drängen Hindenburg, eher den nationalsozialistischen Parteiführer Adolf Hitler zum Kanzler zu ernennen als Schleicher die Verfassung brechen zu lassen. Am 30. Januar 1933 übernimmt Hitler das Amt des Reichskanzlers, verfassungsmässig eingesetzt durch den Reichspräsidenten.

 

Mit der nationalsozialistischen Regierungsübernahme beginnt ein neuer Abschnitt in der deutschen Geschichte,
den man zunächst – und im Volksmund noch jetzt – als „Drittes Reich“ bezeichnet. Diesem Namen liegt die Vorstellung zugrunde, das Heilige Römische Reich sei das Erste Reich gewesen und das Bismarcksche das Zweite. Die Weimarer Republik wird, wie der seinerzeitige Deutsche Bund, als Intervall verstanden, während Hitler nun ein Drittes Reich ins Leben gerufen habe. Auf der weltanschaulichen Ebene haben diese Begriffe ihre Berechtigung. Staatsrechtlich gesehen sind aber auch die Jahre von 1933 bis 1945 eine kontinuierliche Fortsetzung des 1867/71 gegründeten Deutschen Reiches.

 

Die Reichstagswahl vom 5. 3. 1933 ergibt eine nationale Regierungsmehrheit (NSDAP 44%, Deutschnationale 8%). Am 27. Februar brennt der Reichstag nieder durch Brandstiftung des Kommunisten van der Lubbe. Hitler bekommt vom Reichstag Sonderbefugnisse, um gegen die kommunistische Gefahr vorgehen zu können. Am 21. 3. wird der neue Reichstag in der Potsdamer Garnisonkirche eröffnet, am 23. 3. nimmt er das Ermächtigungsgesetz an und kurz darauf das Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich. Am 14. Oktober tritt das Reich aus dem Völkerbund aus, in den es 1926 nach langem Hinhalten der ehemaligen Feindmächte aufgenommen worden war. Im November ergibt eine Volksbefragung 92% Zustimmung zu Hitlers Politik.

 

Es werden Massnahmen zur wirtschaftlichen Gesundung Deutschlands erlassen. Arbeitsbeschaffung mit gleichzeitiger Kreditausweitung und Abkehr vom Goldstandard sind die Mittel, Autarkie das Ziel. Bis 1939 wird
die Geldumlaufmenge nur um 100% steigen, während das Wirtschaftsvolumen um mehr als 100% wächst und der Währungsbereich sich um 15% vergrössert (Österreich, Sudetenland). Die Notenpresse wird zur Finanzierung also nicht herangezogen, denn Hitler will unter allen Umständen eine neue Inflation verhindern. Entgegen weitverbreiteten Legenden spielen beim wirtschaftlichen Aufschwung weder der Autobahnbau noch die Rüstung noch Hjalmar Schacht eine entscheidende Rolle. Grundlage für die Massnahmen zum wirtschaftlichen Aufschwung bilden Vorschläge, die Gregor Strasser bereits in der Reichstagsrede vom 10. Mai 1932 formuliert hat.

 

Die „WirtschaftsWoche“ Nr. 29/1991 schreibt auf Seite 110 zur nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik:

 

„Das 3. Reich bietet nun zwei weitgehend verschiedene Ordnungen
zum Vergleich. Von 1933 bis 1936 – etwa bis zum Rücktritt
Hjalmar Schachts als Reichswirtschaftsminister – war Deutschland
eine Marktwirtschaft, die sich deutlich von anderen Marktwirtschaften
unterschied. So herrschte seit 1931 Devisenbewirtschaftung,
seit 1932 Lohnstopp, seit 1933 Gewerkschaftsverbot.
Ab 1936 wurde eine Planwirtschaft installiert, aber erst 1939
voll in Kraft gesetzt. Auch sie unterschied sich erheblich von sozialistischen
Planwirtschaften: Das Privateigentum blieb erhalten,
der Gewinn wurde nicht abgeschafft, das Gewinnstreben vielmehr
in den Dienst der Wirtschaft gestellt. Die Arbeitslosigkeit
ging von rund sechs Millionen im Winter 1932/33 auf 1,6 Millionen
1936 und hunderttausend 1939 zurück. Die Beschäftigung stieg
um mehr als die Hälfte. Die Wachstumsrate des realen Sozialprodukts
lag bei knapp zehn Prozent pro Jahr. Das Defizit im Staatshaushalt
war minimal… (Zur Zeit der) Kriegswirtschaft … lag die
Produktion 1944 trotz Bombenkrieg und Rohstoffmangel höher
als 1939. Diese Zahlen, die im Rest der Welt keine Entsprechung
hatten, sind so aufregend, dass ihre Gründe aufgedeckt werden
sollten… Können wir auf Erfolgsrezepte nur deshalb verzichten,
weil Adolf Hitler sie angewandt hat?“

 

Um junge Familien wirtschaftlich zu sichern, wird das Ehestandsdarlehen eingeführt. Dessen Auszahlung erfolgt
nicht in Bargeld, sondern in Bedarfsdeckungsscheinen. Bei der Geburt eines jeden Kindes wird der Familie ein Viertel der ursprünglichen Darlehenssumme erlassen.

 

Am 29.9.33 ergeht das Reichserbhofgesetz.

 

Zweck: Erhaltung des Bauerntums durch Schutz der Bauernhöfe
vor Überschuldung und Zersplitterung durch Erbgang. Grundbestimmungen:
Ein Erbhof geht ungeteilt auf einen Anerben über.
Erbhöfe sind Höfe von mindestens einer Ackernahrung und von
höchstens 125 ha. Der Besitzer eines Erbhofes heisst Bauer,
Besitzer anderen landwirtschaftlich genutzten Grundeigentums
sind Landwirte. Der Bauer muss deutscher Staatsbürger, deutschen
oder artverwandten Blutes, ehrbar und fähig sein, den
Erbhof ordnungsmässig zu bewirtschaften. Die nicht als Anerben
berufenen Abkömmlinge erhalten eine der Leistungsfähigkeit des
Hofes entsprechende Berufsausbildung und Ausstattung und
haben Heimatzuflucht bei unverschuldeter Notlage. Erbhöfe sind
grundsätzlich unveräusserlich, unbelastbar und geniessen Schutz
gegen Zwangsvollstreckung. Sie werden in die Erbhöferolle eingetragen.
Zur Durchführung des Gesetzes bestehen Anerbengerichte,
Erbhofgerichte und das Reichserbhofgericht.

 

Am 30.1.34 erfolgt das Gesetz über den Neuaufbau des Reiches und damit die Aufhebung der Volksvertretungen
der Länder. Am 2.8.34 stirbt Hindenburg. Das Amt des Reichspräsidenten wird darauf mit dem des Reichskanzlers vereinigt. Am 13.1.35 stimmt die Saar (unter alliierter Kontrolle!) mit über 90% für die Rückkehr ins Deutsche Reich. Im September 1935 nimmt der Reichstag die sog. Nürnberger Gesetze an:

 

Das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der
deutschen Ehre“ vom 15.9.35 (mit Ausführungsverordnung vom
14.11.35) dient der Reinerhaltung des deutschen Blutes und verbietet
Juden die eheliche und aussereheliche Rassenmischung
mit deutschen Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten
Blutes, die Beschäftigung deutschblütiger weiblicher Hausangestellter
unter 45 Jahren sowie das Zeigen der deutschen Flagge.

 

Nach dem Reichsbürgergesetz vom 15.9.35 ist Reichsangehöriger
jeder, der dem Schutzverband des Deutschen Reiches
angehört und ihm dafür verpflichtet ist. Reichsbürger ist nur der
Reichsangehörige deutschen oder artverwandten Blutes, der
durch sein Verhalten beweist, dass er gewillt und geeignet ist, in
Treue dem deutschen Volk und Reich zu dienen. Der Reichsbürger
ist der alleinige Träger der vollen politischen Rechte.

 

Am 30.1.1937 widerruft Adolf Hitler die deutsche Unterschrift unter die „Kriegsschuldlüge“. Damit ist dem
„Versailler Vertrag“ im nachhinein die moralische Begründung entzogen.

 

Durch Gesetz vom 13.3.1938 wird Österreich ein Land des Deutschen Reichs. Die gesamtdeutsche Volkabstimmung vom 10. April bekennt sich so gut wie einstimmig zum neuen Grossdeutschen Reich. Am 29. September 1938 wird das Münchner Abkommen über die Rückkehr des Sudetenlandes ins Reich geschlossen. Am 15. März 1939 legt der tschechische Präsident Hacha das Schicksal seines Volkes in die Hände Adolf Hitlers, am 16. 3. wird das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren geschaffen, während die Slowakei gleichzeitig unter den Schutz des Reiches tritt. Am 22.3.39 gibt Litauen das Memelland ans Deutsche Reich zurück.

 

Hingegen erweist sich eine Verständigung mit Polen als unmöglich. Durch das Versailler Diktat sind 2,5 Millionen Deutsche der polnischen Oberhoheit unterstellt. Von ihrem Schicksal schreibt Herders Staatslexikon (5. Auflage 1931, Band 4, Sp. 249): „Das offene und auch zugegebene Ziel der polnischen Politik ist die Vernichtung des Deutschtums“. Am 1. September 1939 beginnt der deutsche Polenfeldzug als Antwort auf ständige polnische Provokationen und eine polnische Generalmobilmachung. Durch die Kriegserklärungen Frankreichs und Grossbritanniens ans Deutsche Reich wächst sich der deutsch-polnische Konflikt zum Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) aus. Durch die deutschen Siege können zunächst auch die übrigen durch den Vertrag von Versailles verlorenen Gebiete ins Reich zurückgegliedert werden.

 

Während des Krieges ist das Reich durch den „Pakt gegen die
Kommunistische Internationale“ (am 25. November 1941 verlängert
um fünf Jahre) mit folgenden Staaten verbündet: Italien,
Spanien, Finnland, Dänemark, Ungarn, Bulgarien, Rumänien,
Kroatien, Slowakei, Japan, China, Mandschukuo.

 

Der militärische Wert dieser Bündnisse ist allerdings sehr unterschiedlich und insgesamt nicht ausschlaggebend. Es kommen die Rückschläge. Der Krieg geht verloren.