Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation


Karl der Grosse (zum Kaiser gekrönt um 800 n. Chr.) begründet ein europäisches Grossreich, das unter seinen
Nachfolgern geteilt wird: Mit dem Vertrag von Verdun (843) entsteht östlich des Rheins das Ostfränkische
Reich, dem 870/880 Lothringen angegliedert wird. Erster König dieses werdenden Deutschen Reiches ist Ludwig der Deutsche. 962 wird Otto der Grosse in Rom zum Kaiser gekrönt. Damit entsteht das später so genannte Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Dieses Reich umfasst unter den verschiedenen Herrschergeschlechtern der Salier, Sachsen, Staufer und Habsburger immer auch Gebiete ausserhalb des deutschen Sprachbereichs, so z.B. in Italien, Burgund oder Böhmen. Österreich ist selbstverständlich Teil des Reiches, und in Wien residieren Jahrhunderte lang die Kaiser. Unter starken Herrschern ist das Reich jeweils die europäische Ordnungsmacht. Erst durch den Dreissigjährigen Krieg und den Westfälischen Frieden von 1648 verliert es praktisch seine politische Handlungsfähigkeit. Frankreich erwirbt Reichsgebiete als „Lehen“ und hat somit als Reichsstand Sitz und Stimme auf dem Reichstag. Da der Reichstag seine Beschlüsse einstimmig fassen muss, verfügt die französische Krone damit über ein Vetorecht im Reich. Dessen Ohnmacht währt nun bis zu seinem Ende, anderthalb Jahrhunderte lang. Mit dem Westfälischen Frieden scheiden die Niederlande aus dem Reichsverband aus. Im Namen der protestantischen Kantone der Eidgenossenschaft verhandelt auch der Basler Abgesandte über die Unabhängigkeit vom Reiche. Die katholischen Kantone der Innerschweiz wollen daran nicht beteiligt sein. Auf Drängen Frankreichs, dessen Politik darin besteht, das Reich zu schwächen, gewährt der Kaiser den Eidgenossen schliesslich am 24. Oktober 1648 „so gut wie volle Freiheit“ und „Exemption“ vom Reiche (Befreiung von der Gerichtsbarkeit). Trotz der nicht völlig klaren Rechtslage betrachtet die offizielle Schweiz diese Urkunde als Beginn ihrer Eigenstaatlichkeit. Im Jahre 1806, tausend Jahre nach Karl dem Grossen, legt der Habsburger Franz II. nach den Niederlagen gegen die Franzosen und auf Druck Napoleons die deutsche Kaiserkrone nieder, beschränkt sich auf seine Hausmacht und nennt sich fortan nur noch Kaiser von Österreich. In seiner Erklärung vom 6. August 1806 stellt Franz fest, die letzten Ereignisse hätten es ihm unmöglich gemacht, weiterhin die Pflichten seines kaiserlichen Amtes zu erfüllen. Er erklärt Amt und Würde des Römischen Kaisers für erloschen. Die Erklärung des Erlöschens scheint ihm insofern von hoher Bedeutung, als er befürchten muss, die vom Reich abgefallenen Rheinbundfürsten würden Napoleon als „neuem Karl dem Grossen“ die Reichskrone anbieten. Nachdem Franz die Reichsbehörden in Wien aufgelöst hat, verdeutlicht er nochmals seine Entscheidung: „Durch die am 6. August laufenden Jahres von mir bewirkte Niederlegung der deutschen Reichsregierung ist … ein gänzliches Aufhören derselben eingetreten.“ Schon wenige Jahre danach werden sowohl England als auch manche deutschen Fürsten davon ausgehen, dass das Reich nicht aufgelöst sei und wiedererrichtet werden müsse. Dazu kommt es aber vorerst nicht (siehe
Kapitel III). Das Reich ruht.