III Die Übergangszeit


Der Befreiungskrieg, den Österreich 1809 gegen Frankreich zunächst im Alleingang wagt, der Sieg Erzherzog
Karls bei Aspern, der Aufstand des Tiroler Freiheitshelden Andreas Hofer – das alles gibt der nationalen deutschen Freiheitsbewegung neue Hoffnung. Österreich fällt wie selbstverständlich die Würde zu, das Oberkommando über die gegen Frankreich schliesslich siegreichen Streitkräfte zu übernehmen. 1813 siegen Österreicher, Preussen und Russen in der Völkerschlacht bei Leipzig, 1815 Preussen und Engländer bei Waterloo/Belle Alliance über Napoleon. in Frankfurt wird der ehemalige deutsche und nunmehr österreichische Kaiser Franz mit Jubel empfangen; im Triumph fährt er nach Aachen. Es ist die Zeit, in der Josef Haydns Kaiserhymne gesungen wird: „Gott erhalte Franz den Kaiser“, deren Weise Hoffmann von Fallersleben später
zu seinem Deutschlandlied inspirieren wird. 29 Fürsten und Reichsstädte wenden sich 1815 an den Wiener Kongress, um für die Wiedererrichtung des Reiches zu plädieren. Aber die Enttäuschung über das Verhalten dieser Fürsten in den Jahren zuvor wie auch der Wille zum Ausgleich mit Preussen bestimmt Franz, die
Wiederaufnahme der Krone abzulehnen. Es wird unter dem Vorsitz Österreichs ein loser Staatenbund errichtet, der Deutsche Bund, der im Wesentlichen die alten Reichsgebiete umfasst, aber ersichtlich nur eine Übergangslösung darstellt. Sitz des Bundestages ist Frankfurt am Main. Der Wille, das Reich wieder zu errichten, ist in Deutschland nicht erloschen, aber es stehen ihm die Partikularinteressen der einzelnen deutschen Fürsten gegenüber. In der Revolutionszeit von 1848/49 tagt in der Frankfurter Paulskirche die Deutsche Nationalversammlung und entwirft eine Reichsverfassung. Zum „Reichsverweser“ bestimmt bestimmt
man den Bruder des verstorbenen Kaisers Franz, Erzherzog Johann. Er bekommt ein neunköpfiges Reichsministerium, was freilich nichts an seiner und des Parlaments Machtlosigkeit ändert. In den Auseinandersetzungen jener Tage werden übrigens die Begriffe „grossdeutsch“ (Deutschland mit Österreich)
und „kleindeutsch“ (Deutschland ohne Österreich) geprägt. Die spätere Gründung Bismarcks war ein kleindeutsches Reich, während man nach der Vereinigung mit Österreich 1938 zu Recht und in traditioneller Terminologie vom „Grossdeutschen Reich“ sprach. Während in Wien und Berlin die konservativen Kräfte über
die Revolution siegen, fordert der österreichische Minister Schwarzenberg im Namen seines jungen Kaisers Franz Josef die Aufnahme des gesamten österreichischen Vielvölkerreiches in den geplanten Bundesstaat, während das Frankfurter Parlament diesen nur für deutsche Länder offen halten will. Die Kleindeutschen erhalten Auftrieb. Mit 267 gegen 263 Stimmen wird ein erblicher deutscher Kaiserstaat beschlossen, und tags darauf wählt eine Minderheit von Abgeordneten (die grossdeutsche Mehrheit enthält sich der Stimme) den preussischen König Friedrich Wilhelm IV. zum Kaiser. Dieser lehnt ab, weil er einerseits keine Krone aus der Hand von Revolutionären annehmen und anderseits einen Krieg mit Österreich vermeiden will. 1866 kommt es zwischen den beiden rivalisierenden deutschen Teilmächten dann doch zum Entscheidungskampf. Preussen siegt und der Deutsche Bund wird aufgelöst. Die Freundschaft zwischen Preussen und Österreich ist allerdings bald wieder hergestellt, denn Bismarck, der um die Wichtigkeit dieses Bündnisses weiss, behandelt den
Unterlegenen mit Grossmut.